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Familie von Sr. Marie-Paule

5. Dezember

Heute Morgen, gleichnach dem Frühstück sind wir mit P. Pascal aufgebrochen Richtung Antananarivo, wieder im Kleinwagen mit allem Gepäck, aber diesmal waren wir‘s schon gewohnt, ins Auto gepresst zu sein. Wir stellen uns auf etwa dreieinhalb Stunden Fahrt für die ca. 170 km ein. Die „Route National 7“ ist hier wesentlich besser, nur dann und wann kommen große und vor allem tiefe Löcher, die vom Fahrer großes Reaktions-vermögen erfordern. Die RN7 ist wohl deshalb in relativ gutem Zustand, weil der frühere Präsident Ravalomanana seine große Fabrik für Milchprodukte in Antsirabe hatte, und weil in Antsirabe auch die Brauerei THB ist. Diese Brauerei hat für ihr madagassisches Bier eine Goldprämierung auf Weltebene erhalten, und ich kann mit meinem bayeri-schen Sachverstand nur bestätigen: das Bier schmeckt wirklich gut (bei der Familie von Sr. Emmanueline gab es ein solches Bier). In allen Städten, großen und kleinen Ort-schaften in Madagaskar fallen einem die knallrot gestrichenen Häuser mit der Aufschrift THB auf; das sind Shops in denen dieses Bier zu haben ist.

Die Fabrik des früheren Präsidenten ist von der neuen Regierung geschlossen worden, und am ganzen Firmengelände entlang sieht man noch die Protestaufschriften gegen die Schließung. Es gingen dadurch ja viele Arbeitsplätze verloren.

Während der Fahrt reden wir wieder einiges über die Politik in Madagaskar. Seit 2009, seit der Ablösung Ravalomananas, geht es für die meisten Menschen im Land nur noch abwärts. Man sieht hier zwar viele Neubauten, woran man erkennen kann, dass es auch einige sehr Reiche gibt. P. Pascal erklärt uns, dass diese Reichen entweder Regierungsangehörige/Regierungssympatisanten oder durch gute Bezahlung ruhiggestellte Militärs sind, oder Ausländer, die in Madagaskar das große Geld machen. Wir fahren durch eine Ortschaft, in der es sehr viel Gold gibt. Angeblich soviel, dass man es sogar an den Schuhen hat als Staub, wenn man hier herumgeht. Doch sind es hier die Srilankenesen, die die Goldvorräte ausbeuten. Übrigens: auch in Mananjary gibt es große Goldvorkommen, doch die Bevölkerung hat rein garnichts davon, die ist weitgehend verarmt. Auch die großen Erdölvorkommen in Madagaskar, die Edelsteine (v.a. Saphire etc.) werden von der Regierung an ausländische Investoren übergeben (Chinesen, Pakistani, Türken), wobei sich die Minister immer auch selbst bereichern. Die denken leider nur an die eigene Tasche, nicht ans Volk. Madagaskar wird praktisch ausverkauft. Die Unabhängigkeitserklärung Madagaskars ist eine Farce. Madagaskar ist nicht unabhängig. Jetzt macht es sich abhängig von den ausländischen Investoren. Aber auch Frankreich, die frühere „Kolonialmacht“ ist nach wie vor sehr mächtig, ausbeuterisch und unterdrückend im Land präsent. Alle früheren französischen Kolonien in Afrika sind heute verarmte Länder, meint P. Pascal. Gestern sprachen wir über die Pest in Madagaskar als „politische“ Pest. Die Pest wird von der Regierung benutzt, um neue Posten im Gesundheitswesen zu schaffen, d.h. überall jetzt schnell regierungshörige Leute einzuschleusen und dann die „unangenehmen“ zu beseitigen. Das wegen der Pest erlassene Versammlungsverbot ist jetzt, ein Jahr vor der Präsidentschaftswahl sehr praktisch zur Verhinderung von Demonstrationen.

Etwa 20 km vor Antananarivo machen wir Halt in der Ortschaft Ambatolampy, zu deutsch „Kleinfreitag“. Hier ist ein Studienkollege von P. Pascal seit drei Jahren Pfarrer. In dieser Zeit hat er hier ein Anbetungszentrum geschaffen (Kapelle mit ewiger Anbetung) an der Pfarrkirche, daneben eine kleine Schule (Ecole primaire und College) und wiederum daneben ein Orphelinat (Waisenhaus). Zur Hauptstraße hinaus hat man auch ein Lebensmittelgeschäft eingerichtet. Er machte das alles zusammen mit seinen Pfarreiangehörigen. Die Pfarrei ist sozusagen Träger der Einrichtungen. Das Orphelinat hat eine Ordensfrau aufgebaut. Der leitende Verantwortliche des Gesamten ist der Pfarrer. Leider ist er heute auf dem Rekollektionstag für die Diözesanpriester. Wir sind beeindruckt, was hier in drei Jahren alles geschaffen worden ist und erkennen in dieser Unternehmung ein Modell bzw. Vorbild für uns. So etwa könnten wir auch als unser Engagement in Madagaskar vorstellen.

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Anbetungszentrum der Pfarrei vor Antananarivo

Durch den Großstadtverkehr Antananarivos mit Stau brauchen wir noch über eine Stunde, um zu unserer neuen und letzten Unterkunft zu kommen. So kommen wir müde, hungrig und verschwitzt nach insg. sechs Stunden Fahrt am „Centre spirituel Maison St. Ignace“ an. Das Haus und die Zimmer sind sauber. Es gibt einen großen Park, der zum Spazierengehen einlädt. Zurzeit sind mehrere Gruppen da, die alle im Schweigen sind. Wunderbar. Das Abendessen wird im Schweigen bei Musik eingenommen. Hier im „centre spirituel“ lebt eine kleine Gemeinschaft von sechs Jesuiten, Père Jean-Romain ist ihr Superior. Er erzählt uns beim verspäteten Mittagessen, dass es in Antananarivo 350 Ordensgemeinschaften gibt, das sind rund 1300 Ordensleute. Vor allem sind hier viele Ausbildungsgemeinschaften und Noviziate.

6. Dezember

Heute ist für uns der „Tag der Familien“ in Tana. Wir treffen alle Familien der Schwestern, die aus der Stadt oder Diözese Antananarivo stammen.

Dazu fährt uns P. Jean-Romain zu den „Filles du Coeur de Marie“. „Er fährt“ ist gut gesagt – ab der Ausfahrt aus dem Centre bis hin zum Kloster der Filles du Coeur de Marie war Stau, und so brauchen wir für die etwa 2-3 km eine Stunde. Aber das ist normal in Tana. Die „Filles du Coeur de Marie“ führen hier gleich neben dem bischöflichen Ordinariat ein Pensionat für Studentinnen der Universität. Sie haben 80 Plätze, die voll belegt sind und viele Anwärterinnen auf der Warteliste. In diesem Haus bekommen wir ein gut eingerichtetes Sprechzimmer zur Verfügung gestellt. 

Hier empfangen wir dann nacheinander die Familien von Sr. Nathanaella, von Sr. Julia und Sr. Fabienne. Nach diesen drei Familien sprechen wir mit zwei Frauen, die an einem Eintritt in unsere Kongregation interessiert sind: Charlotte und Clarisse. Mittagessen können wir in einem Nebenzimmer der Kantine des Pensionates, dann geht es weiter mit den Familien. Eltern, Schwester und Nichten/Neffen von Sr. Marie-Paule, dann Mutter, Schwestern und Neffen/Nichten von Sr. Marie-Pierre, dann Eltern, Schwester etc. von Sr. Noella, dann die Schwester, Nichte und Großnichte von Sr. Carmela. Der liebe Pater Romain holt uns am Abend ab und wir freuen uns auf etwas Ruhe.

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Neubepflanzung der Reisfelder

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Bushaltestelle mit Brauereiwerbung THB

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Der Eingangsbereich des "Centre spirituel" in dem wir wohnen


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