Predigt Vater Abt em. Christian Schütz

Eine moderne Legende erzählt von einem interessierten Buben. Dieser wollte eines Tages unbedingt so etwas wie einen Himmelsbewohner - wir sagen dafür Engel oder Heilige - treffen. Es war ihm klar, dass der Weg zum himmlischen Aufenthaltsort ein sehr langer sein musste. Also packte er sich einen Rucksack voll mit Cola-Dosen und mehreren Schokoriegeln. Dann machte er sich auf seine Reise. Er lief eine ganze Weile und kam in einen kleinen Park. Dort sah er eine alte Frau, die auf einer Bank saß und den Vögeln zuschaute, die vor ihr nach Futter auf dem Boden suchten. Unser kleiner Mann setzte sich zu der Frau und öffnete seinen Rucksack. Er wollte sich gerade eine Cola herausholen, als er den hungrigen Blick der alten Frau sah. Also griff er nach einem Schokoriegel und gab ihn der Frau. Dankbar nahm sie die Süßigkeit und lächelte ihm zu. Es war ein wundervolles Lächeln, das dem Kleinen auffiel. Und weil er dieses Lächeln gerne noch einmal sehen wollte, bot er ihr auch eine Cola an. Sie nahm die Cola und lächelte wieder, noch strahlender als zuvor. Der Bub war selig. Beide saßen noch lange Zeit auf der Bank im Park, aßen Schokoriegel und tranken Cola, aber sprachen kein Wort.

Als es dunkel wurde, spürte der Junge, wie müde er war, und er beschloss, zurück nach Hause zu gehen. Nach einigen Schritten hielt er inne und drehte sich um. Er ging zurück zu der Frau und umarmte sie. Die alte Frau schenkte ihm dafür ihr allerschönstes Lächeln. Zuhause sah seine Mutter die Freude auf dem Gesicht ihres kleinen Sohnes und fragte: „Was hast du denn heute Schönes gemacht, dass du so fröhlich aussiehst?" Und der Kleine antwortete: „Ich habe mit einer Himmelsbewohnerin zu Mittag gegessen - und sie hat ein wunderbares Lächeln!" Auch die alte Frau war nach Hause gegangen, wo ihr Sohn schon auf sie wartete. Auch er fragte sie, warum sie so fröhlich aussähe. Und sie antwortete: „Ich habe mit einem Heiligen zu Mittag gegessen - und er war viel jünger und moderner, als ich gedacht habe."

Das ist es, was wir heute eigentlich feiern. Die Heiligen von Allerheiligen sind anders als die Heiligen, die wir kennen und verehren und feiern. Letztere haben oft nichts Menschliches mehr an sich. Sie sind oder müssen Stars sein, weil wir sonst nicht wahrnehmen und gelten lassen. Sie gleichen seltsamen religiösen Hochleistungssportlern, die mit uns gemeinen Erdenkindern nichts mehr zu tun haben. Gewiss ist diese Vorstellung im Grunde unsinnig und verkehrt, aber irgendwie geistert immer noch bei uns, bei Frommen und weniger Frommen, herum. Wie tröstlich ist es, dass es Allerheiligen als das Fest der kleinen Heiligen, der armen Leute gibt. Allerheiligen ist kein exklusiver Feiertag. Zur Feier aller Heiligen gehören auch diejenigen, um deren Heiligkeit kein Aufhebens gemacht wird, deren heiliges Verhalten und Leben niemand kennt außer Gott. Wer weiß schon um die vielen, die anderen uneigennützig helfen, die vielleicht nur einmal, aber im richtigen Moment, anderen die Tür aufmachen, Unterschlupf gewähren, etwas die Not anderer Wendendes weggeben oder ein Stück Brot brechen. Das geschieht millionenfach am Tag auf der Welt, und niemand erfährt etwas davon. Die Welt ist nicht nur schlecht, wie Untergangspropheten meinen. Den Glauben an das Gute im Menschen sollen und wollen wir uns nicht nehmen lassen.

Wer die Bergpredigt oder das Evangelium vom Weltgericht hört, könnte denken, Jesus spräche alle von vornherein heilig, die anderen etwas Gutes tun. Genau das tut er nicht. Er nennt vielmehr die selig, die hungern, leiden oder Unrecht erfahren. Er spricht von den Benachteiligten, die keine Chance haben und keine Kraft, anderen zu helfen. Das ist eine totale Umkehrung menschlichen Denkens. Wir beachten in der Regel das Große, Außerordentliche und Besondere, und wenn wir uns die bekannten Heiligen ansehen, so haben sie in der Tat große Taten vollbracht, wenn wir an Mutter Teresa, Pater Pio oder Papst Johannes Paul II. denken. Das kirchliche Verfahren einer Selig- oder Heiligsprechung prüft die besonderen und auffälligen Merkmale bis hin zu verbürgten Wunderheilungen. Für Jesus sind die Leidenden, die Benachteiligten und dergleichen etwas Besonderes. Mit dem Großteil der heiligen Menschen haben sie gemeinsam, dass niemand von ihnen weiß. Das macht ihr Drama noch größer. Weil niemand von ihrer Situation Kenntnis nimmt, wird sie kein Ende nehmen. Gott geht es nicht um das gute Gefühl nach der guten Tat, vermutlich würde Jesus eine gute Tat auch nicht besonders hervorheben. Das sind für ihn Selbstverständlichkeiten. Gott erhebt das Kleine, Verkannte, Unscheinbare und an den Rand Gedrängte und erblickt darin wahre Seligkeit. Weil die Welt dem Werden und Vergehen unterworfen ist, schafft Gott aus dem Vergehen und Vergänglichen ein neues und anderes Leben. Sprechende Beispiele dafür sind Jesu Geburt und Auferweckung aus dem Tod.

So zeigt uns das heutige Evangelium, dass wir bei der Feier aller Heiligen nicht nur der ruhmreichen Taten, der bekannten und stillen, gedenken, sondern auch all derer, die in ihrem Leben litten und heute und in Zukunft leiden werden. Das ist für uns schwer verständlich, für Gott aber ist dieser Blickwinkel klar. Der hl. Philipp Neri hat auch unsere Pläne und Vorstellungen vom Heiligwerden aufs Korn genommen, wenn er sagt: Bleib gut, wenn du kannst. Alles andere ist Eitelkeit. Gute Taten sind oft so schwer, wir sind alle arm und möchten doch so gerne Stars und Helden sein. Das ist Eitelkeit und hat mit Heiligkeit nichts zu tun. Gott ist einer, der uns bei sich ankommen lässt, wenn wir nur wollen. Dazu ist es nicht notwendig, dass wir bei anderen ankommen. Ein Heiliger kann es sich leisten, dass er nirgendwo angekommen ist und ankommt. Das ist die Botschaft der kleinen Heiligen, die wir heute feiern.

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