Predigt Vater Abt em. Christian Schütz

14. Sonntag im Jahreskreis / A (09.07.2017)

Seit über 70 Jahren gibt es bei uns eine Einrichtung, die sich Gesellschaft für deutsche Sprache nennt und alle Jahre aus Vorschlägen so etwas wie ein typisches Wort bzw. Unwort des jeweiligen Jahres aus­wählt. Ich weiß es nicht, ob das Wort Stress schon einmal die „Ehre" hatte, in diese Liste aufgenommen zu werden. Auf alle Fälle wäre es ein ernsthafter Anwärter für einen Platz in diesem Kreis. Tatsache ist, dass wir in einer stressigen und hektischen Welt leben. Viele stehen unter einem ständigen Zeitdruck, unter einer ununterbrochenen Anspannung. Es gibt ja so viel zu tun. Von außen strömen unentwegt Forderungen auf uns ein, wir selber wollen immer mehr aus unserer begrenzten Zeit herausholen. Stress ist wohl eines der größten Alltagsprobleme in unserem Leben, er wird nicht weniger, sondern immer mehr. Wer gestresst ist, hat das Gefühl, ein getriebener zu sein. Die Ursachen dafür können sowohl der Welt der Überforderung wie der der Unterforderung angehören.

Uns gestresste Menschen spricht Jesus im Evangelium dieses Sonntags unmittelbar an: „Kommt alle zu mir, die ihr euch plagt und schwere Lasten zu tragen habt. Ich werde euch Ruhe verschaffen." (Mt 11,28) Wie ist das gemeint? Ich habe nicht den geringsten Zweifel am Ernst dieser Einladung Jesu. Jesus ruft uns in seine Nähe. Aber so einfach ist das nicht, bei Jesus Ruhe zu finden. Wir können die Unruhe unserer hektischen Welt nicht so ohne weiteres weg reden. Wie stellt sich Jesus das vor? In der Fortsetzung seines Zuspruchs sagt er: „Nehmt mein Joch auf euch und lernt von mir; denn ich bin gütig und von Herzen demütig; so werdet ihr Ruhe finden für eure Seele. Denn mein Joch drückt nicht, und meine Last ist leicht." (Mt 11,29f) Wie soll das zusammenpassen: Joch, Last und Ruhe? Ein Joch war oder ist ein Holzbalken, der dazu diente, dass zwei Zugtiere eine schwere Last einfacher ziehen konnten; es trägt zur Erleichterung der Arbeit bei und gibt die Zielrichtung vor.

Und wie ist das bei uns Menschen? Auf uns lasten Stress, Unruhe und Sorgen. Und was bietet uns Jesus dagegen als Hilfe an? Er bietet uns Ruhe an, indem er uns sein Joch als neue Last auferlegt. Wir werden vor die Wahl gestellt zwischen einem von Stress und Sorgen beherrschten Leben oder dem angeblich leichten Joch Jesu. Am liebsten wäre es uns ja, wenn wir einfach unsere Freiheit und kein Joch mit seinen Lasten zu tragen hätten. Um zur Ruhe zu gelangen, wäre es doch am besten, wenn wir gar nichts zu tun hätten und auch vom Glauben her nicht mit Forderungen oder Auflagen beschwert würden. Wenn Jesus von Ruhe, dem sanften Joch und der leichten Last spricht, dann ist er dabei schon einen Schritt weiter. Ruhe für die Seele besteht nicht im Nichtstun, sondern darin, dass man das Richtige tut. Die Erfahrung, dass uns Nichtstun auf Dauer nicht glücklich macht, ist keineswegs fremd. Jesus will uns weder langweilen noch unterfordern. Es liegt ihm daran, uns und unserem Leben eine sinnvolle Richtung und ein erfüllendes Ziel zu geben. Das, was er zu tragen gibt, ist für uns alles andere als schwer.

Was heißt das für jeden persönlich? Das Seelen-Ruhe-Programm Jesu ist mit der Aufforderung, von ihm zu lernen, verbunden. In seiner Formulierung steckt ein Wort des Propheten Jeremia, das lautet: „Fragt, wo der Weg zum Guten liegt; geht auf ihm, so werdet ihr Ruhe finden für eure Seele." (6,16) Dass wir uns über den Weg, den wir einschlagen wollen, viele Gedanken machen, liegt auf der Hand. Gerade darin liegt das Problem. Da sind die Stimmen, die sich melden, wenn wir die Augen schließen und darüber nachdenken. Da sind die Sorgen, die lebendig werden und mit denen wir die Zukunft vorweg nehmen. Kurz gesagt, wir versuchen uns selber zu tragen, statt uns tragen zu lassen wie die Unmün­digen und Kleinen. Wir schlagen die Fährte der Klugen und Weisen ein, die zwar auf ihre Weise Gott in ihr Denken und Streben einbauen, ihm aber am Ende keinen Platz einräumen, um selber zu handeln. Darin meldet sich die Versuchung, selber die Rolle und Aufgabe Gottes in die Hand zu nehmen und zu lösen. Wir versuchen uns selbst in die Hand zu nehmen, uns zu tragen und unseren Weg zu finden. Damit soll nicht behauptet werden, dass das nicht geht. Sowohl ein Denken als auch ein Leben ohne Gott funktionieren offenbar. Viele Menschen unserer Umgebung versuchen und praktizieren es. Aber wir haben eine Botschaft, die allen, vor allem aber immer wieder uns selber anvisiert: Jesu Einladung, Ruhe bei ihm zu suchen und zu finden.

Jesus kennt aus eigener Erfahrung unsere Sorgen, er hat eine Ahnung davon, wie unser Leben geht und sich anfühlt. Er ist zugleich bereit, unser Dasein in die Hand zu nehmen und zu tragen. Das läuft nicht von selbst. Wir müssen uns tragen lassen, sein sanftes Joch auf unseren Schultern spüren, um nicht abzuheben. Auf diese Weise wendet sich unser Lebensweg zum Guten. Das kann zuweilen auch ein Weg sein, der durch Dunkel und Leid verläuft. Jesus selber hat das erlebt, aber das ist ein Weg, der uns auf der Erde hält und von dem wir hinterher gestehen können, dass er gut gewesen ist. Wo er schwer war, sind wir getragen worden. Wo er mühsam war, haben wir doch auch Ruhe verspürt. Wo es leicht war, hat dieses Glück sich nicht wie Stolz und Überlegenheit angefühlt, sondern eher wie eine Art tiefer Frieden oder Himmel, der über uns sich auftut und offen steht. Nicht unsere Welt mit ihrem Aktionismus und ihrer Hektik gibt das Tempo vor, sondern Jesus. Nach wie vor steht und gilt sein Wort: Kommt alle zu mir und lernt von mir!

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