Predigt Vater Abt em. Christian Schütz

Epiphanie / B (06.01.2018)


adoration mages 2006


„Dreikönig"— so hat der Volksmund das Fest getauft, das wir heute feiern. Darunter kann sich jeder, der ein wenig mit dem religiös-kirchlichen Brauchtum vertraut ist, etwas vorstellen. Davon heben sich die offizielle Auffassung der Kirche und ihre Namensgebung für den heutigen Festtag ein wenig ab. Sie sprechen von der „Epiphanie" oder Erscheinung des Herrn. Das Wort kommt aus dem Griechischen und erinnert an die Zeit, in der Griechisch die Sprache der Kirche war. Was sollen wir uns unter der Epiphanie oder Erscheinung Gottes bzw. des Herrn vorstellen? Es gibt dafür so etwas wie eine fast zeitgenössische parallele Erfahrung. Wer von uns die Amtseinführung von Papst Johannes Paul II. live oder im Fernsehen erlebt hat, der erinnert sich vielleicht noch an die erste Ansprache des neuen Papstes, die an die ganze Welt gerichtet war und in den Worten gipfelte: „Macht die Tore auf für Christus und habt keine Angst vor ihm!" Das war so ein richtiges Aufweckerwort, das die Herzen vieler hellhörig werden und aufhorchen ließ. Es war und wirkte wie ein Signal, das den Menschen plötzlich, neu und klar Christus vor Augen stellte. Es ging so etwas wie ein spürbarer Ruck durch die Welt und die Kirche. Ähnlich stelle ich mir das vor, was die Kirche als die zentrale Botschaft von Weihnachten und Epiphanie in diesen Tagen feiert.
In den biblischen Texten dieser Zeit ist viel von Bewegung die Reden. Menschen sind unterwegs, bewegen sich, brechen auf, kommen und gehen, fragen, suchen, schauen, staunen und finden. Weihnachts­geschichten sind Weggeschichten, als solche aber gleichzeitig Glaubensgeschichten. Was an ihnen auffällt, ist, dass nicht nur Menschen, sondern auch Gott in Bewegung ist, sofern er durch Engel und Boten unterwegs ist, Botschaften übermittelt und sein Kommen vermeldet. Wenn wir dabei genau hinhören, dann geht uns dabei auf, dass wir Weihnachten nicht nur erzählen, spielen, musizieren, malen oder basteln können, gleichsam als Zuschauer, Beobachter, die daneben stehen; nein, Weihnachten nimmt uns mit, es klopft bei uns an, rührt und greift nach uns, zieht uns an und in sich hinein. Wir können es unmöglich unverbindlich feiern, ohne selber mitzutun, es mitzuleben und mit-dabei-zu-sein. Weihnachten ist ein Fest, das uns unmittelbar angeht. Weihnachten ist unser Weihnachten. Wir feiern es nicht nur, wir sind es selber.

Was steht im Zentrum von Weihnachten, von Epiphanie? Die Worte, die es gleichsam umgeben, aus­machen oder umhüllen, kreisen um das eine Wort: Geburt, gebären, geboren werden. Alle, die an der Krippe, an Weihnachten und Epiphanie etwas zu sagen haben, kennen nur das eine Wort, dass Gott, Gottes Sohn, Christus geboren werden will oder geboren wird. Was geschieht dabei? Gott nimmt in und mit seiner Menschwerdung nicht nur einen einzelnen Menschen, sondern die Menschheit an. Er verbindet sich darin mit allen Menschen, nicht nur mit einem einzelnen, und wäre es der vollkommenste Mensch. Jesus Christus, der menschgewordene Gott, das bedeutet, dass Gott alles menschliche We­sen, wie es ist, angenommen hat. Gott kann von nun an nicht anders als in menschlicher Gestalt gefunden werden. In und durch den Sohn Gottes sind wir dazu befreit, vor Gott wirklich, ganz und voll Mensch zu sein. In der Menschwerdung bekundet sich Gott als den, der nicht für sich selbst, sondern für uns da sein will. Mensch ist einer nicht für sich, sondern für andere. Das offenbart und sagt uns der an Weihnachten erschienene Gott. Und Gott braucht dazu keinen größeren Raum als einen engen Stall, weil in der Herberge kein Platz war, um darin die ganze Wirklichkeit der Welt zu bergen und ihren letzten Grund zu offenbaren.

In den Weihnachtsevangelien ist unüberhörbar von der Geburt eines Kindes die Rede. Dieses Wort will ganz ernst genommen werden. Nicht von der umwälzenden Tat eines starken Mannes, nicht von der kühnen Entdeckung eines Weisen, nicht vom frommen Werk eines Heiligen heißt es das. Wie zur Beschämung der gewaltigsten menschlichen Anstrengungen und Leistungen wird ein Kind in den Mittelpunkt der Weltgeschichte gestellt. Ein Kind von Menschen geboren, ein Sohn von Gott gegeben. Es geht wirklich über alles Begreifen: Die Geburt eines Kindes soll die große Wendung aller Dinge herbeiführen, soll der ganzen Menschheit Heil und Erlösung bringen. Ein Kind hat unser Leben in der Hand. Es muss wohl ein Kopfschütteln, ja vielleicht sogar ein böses Lachen durch unsere alte, kluge, erfahrene, selbstgewisse Welt gehen, wenn sie vernimmt: Uns ist ein Kind geboren, ein Sohn ist uns gegeben. Auf den schwachen Schultern des neugeborenen Kindes soll die Herrschaft über die Welt liegen! Eines wissen wir: Diese Schultern werden jedenfalls die ganze Last der Welt zu tragen bekommen. Die Herrschaft wird aber darin bestehen, dass Gott das Niedrige liebt, sich der Niedrigkeit des Menschen nicht schämt, ein Menschenkind zu seinem Werkzeug wählt und dort seine Wunder tut, wo man sie am wenigsten erwartet. Gott geht wunderbare Wege mit uns, er richtet sich nicht nach der Meinung und Ansicht der Menschen. Er wählt nicht den Weg, den wir ihm vorschreiben wollen, sein Weg ist über alles Begreifen, über alles Beweisen frei und eigenwillig. Sein Reich wird darin bestehen, dass das Kind als Träger unter der Last unserer Welt nicht zusammenbricht, sondern sie ans Ziel bringt. Der Grund dafür liegt allein in der Menschwerdung Gottes, in der unergründlichen Liebe Gottes zum Menschen. Sie allein macht es möglich, dass wir als wirkliche Menschen leben dürfen und den wirkli­chen Menschen neben uns lieben dürfen und können. Dass das so ist, dass dem so ist, wird an Epiphanie aller Welt und vor aller Welt offenbar.
Wenn Gott selbst und seine Liebe in der Krippe von Betlehem auf diese Welt kommen will, so ist das nicht eine idyllische Familienangelegenheit, sondern der Beginn einer völligen Umkehrung, einer Neuordnung aller Dinge dieser Erde. Wo der Verstand sich entrüstet, unsere Natur sich auflehnt, unsere Frömmigkeit sich ängstlich fernhält, dort, gerade dort liebt es Gott zu sein. Es gibt für einen Starken, für einen Großen dieser Welt nur zwei Orte, an denen ihn sein Mut verlässt, vor denen er sich in tiefster Seele fürchtet, denen er scheu ausweicht: das ist die Krippe und das Kreuz. Die Menschen an der Krippe bezeugen, dass sich von beiden die Freude nicht trennen lässt. Bei Gott wohnt die Freude und von ihm kommt sie herab und ergreift Geist, Seele und Leib, und wo diese Freude einen Menschen gefasst hat, dort greift sie um sich, dort reißt sie mit, dort sprengt sie verschlossene Türen. Es gibt eine Freude, die von Schmerz, Not und Angst des Herzens gar nichts weiß; sie hat keinen Bestand, sie kann nur für Augenblicke betäuben. Die Freude Gottes ist durch die Armut der Krippe und die Not des Kreuzes gegangen; darum ist sie unüberwindlich, unwiderleglich. Das Kind in der Krippe ist kein anderer als Gott selbst. Größeres, Wichtigeres, Besseres und Schöneres kann nicht gesagt werden: Gott wurde ein Kind. Das ist es, was der heutige Festtag aller Welt vor aller Welt sagt und feiert.

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