Predigt Vater Abt em. Christian Schütz

Ostern / A (16.04.2017)


Es ist nicht uninteressant zu erfahren, wie viele Leute in unserem Land in den Kar- und Ostertagen unterwegs oder verreist sind. Wollte man alle zusammen addieren, die im Auto, in der Eisenbahn oder im Flugzeug in diesen Tagen zu einem Besuch, zu einem Kurzurlaub oder zu Ferien von ihrem gewohnten Zuhause aufgebrochen sind, dann wäre es wohl nicht übertrieben, geradezu von einer Völkerwanderung zu sprechen. Nachdem es im Laufe eines Jahres bei uns mehrmals zu einer solchen Aufbruchsbewegung kommt, könnte man die etwas hintersinnige Frage stellen: Was suchen denn so viele Menschen, die fast regelmäßig auf- und ausbrechen, eigentlich? Warum gehen sie auf Suche, und das nicht nur einmal, sondern kontinuierlich, immer wieder? Anscheinend reicht das nicht, so dass sie öfter oder ständig suchen gehen.

Dieses nie zur Ruhe kommende Suchen ist im Grunde eine Art gemeinsamer Nenner, der uns ihren Glauben praktizierende Christen mit vielen anderen unserer Zeitgenossen irgendwie verbindet. Ohne sie vorschnell kirchlich vereinnahmen zu wollen, könnte man ihnen so etwas wie eine anonyme Form von Osterglauben zuschreiben. Nimmt man die uns in der Bibel erhaltenen ersten Osterzeugnisse in die Hand, dann ist darin auffallend viel von Suchen und suchenden Leuten die Rede. Angefangen davon, dass sie das Grab Jesu aus Pietätsgründen aufsuchen, dieses aber aufgebrochen und leer finden, dadurch auf die Suche nach dem verschwundenen Leichnam gehen und andere veranlasst werden, gleichfalls sich auf Suche zu begeben. Die Suche nach dem toten Jesus zieht Kreise, immer weitere Kreise und bezieht immer mehr Leute in ihren Bannkreis. Mit diesem Suchen hebt Ostern an, und dass völlig unbestellt und unerwartet. Dieser Suche können weder die ehemaligen Parteigänger Jesu noch auch völlig Uneingeweihte verschließen. Sie steckt an und verfolgt sie geradezu. Ostern und der Osterglaube beginnen mit der Suche nach einem Verschwundenen. Dieses Suchen hat nicht nur mit dem Betreffenden selber etwas zu tun, sondern auch mit den Suchenden und deren Leben. Sie erfahren so etwas wie einen geheimen Zwang, ein tieferes Muss. Daran hat sich bis heute kaum etwas geändert. Osterglau­be ist suchender Glaube nach einem, der verschwunden, entschwunden, abhanden gekommen ist und uns fehlt, weil ohne ihn auch unserem Dasein etwas fehlt, was wir oft nicht nennen können.

Unser Suchen begnügt sich nicht mit einer Fehlanzeige. Es bleibt dabei nicht stehen, sondern hält Ausschau nach Spuren. Alles Suchen ist Spurensuchen. Das ist ganz natürlich und normal. Auf diese Weise ist auch die Suche der ersten Osterboten abgelaufen. Sie durchsuchen das leere Grab, finden und untersuchen die Leinenbinden und das Schweißtuch des Toten, die Stelle, wo er gelegen hatte, suchen das Umfeld und die Umgebung des Gartens ab nach verdächtigen Spuren. Mit kriminalistischer Akribie sammeln, sichten, lesen und interpretieren sie die Spuren, die in dem allein schlüssigen Resultat konvergieren: Er ist nicht hier, er ist von den Toten auferstanden. Die Suchenden legen einen anstren­genden Weg zurück, sie merken, wie das Suchen nicht abnimmt, sondern wächst, mit dem Suchen zugleich das Sehen, die Einsicht, das Eindringen und Verstehen wächst. Das alles sind Schritte des Suchens, die nicht spurlos an ihnen vorbeigehen und mehr und mehr ihren suchenden Glauben verstärken. An dieser Grundgestalt des Osterglaubens als Wender Osterglaube hat sich bis heute kaum etwas geändert. Der Osterglaube nährt sich und besteht auf dem Bescheidwissen, sondern vom Ernst, der Intensität, der Sehnsucht, dem Feuer und der Glut des Suchens. Auch am Wegesrand unseres Lebens, unseres Suchens, Fragens und Erfahrens entdecken wir Osterspuren des Glaubens. Sie fallen uns nicht als fertige in den Schoß, wir müssen uns wie die ersten Zeugen und Träger des Osterglaubens auf den Weg machen, gehen und laufen. Bei den Ostererzählungen der Bibel fällt auf, dass in ihnen verhältnismäßig viel von Dunkelheit, Morgengrauen, Nacht, Diebstahl, Unkenntnis, Unglauben oder Nichtglauben die Rede ist. Die Schritte zum Glauben an die Auferweckung Jesu setzen sehr zögernd und zaghaft ein, sie kommen nur mühsam und über allerhand Barrieren in Gang, das Aufgehen der Augen, das Blicken und Schauen läuft in unterschiedlichen Etappen ab und kommt nur schwer zum Durchbruch. In diesen Schilderungen, die alles andere als von hohen und großen Gefühlen begleitet sich abspielen, kommen recht verschiedene Wege zum Osterglauben zum Ausdruck. Sie sind ein getreues Spiegelbild dessen, was sich bis heute bei uns den Glaubenden ereignet. Wir haben unsere persönlichen Glaubenswege , die über die Erfahrung des wie auch immer gearteten „leeren Grabes" zur keinswegs zwangsmäßigen Begegnung mit dem Auf­erstandenen, die uns von unseren Thomaszweifeln befreit, führt. Was uns bleibt, in Bewegung hält und begleitet unser Leben entlang, das ist unser Suchen.

Dieses Suchen scheint der Kirche und uns Christen des 21. Jahrhunderts besonders auferlegt zu sein. Wer sich ihm aussetzt und stellt, dem scheint sich sein Fragezeichen im Laufe der Zeit und des Lebens. Er befindet sich dabei in guter Gesellschaft. Ihm wendet sich wie einst der am Grab stehenden und trauernden Maria Magdalena inkognito der Auferstandene mit der Frage zu: „Wen suchst du?" (Joh 20,15) Das ist seine Frage an uns, eine Osterfrage, die offen ist und uns mitnimmt auf seinen und unseren Weg.


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